Die Tucher. Eine Nürnberger Patrizierfamilie

Die Geschichte der Tucher ist eng verbunden mit der Geschichte Nürnbergs. Die Freie Reichsstadt entfaltete im 15. und 16. Jahrhundert politisch, wirtschaftlich und kulturell ihre größte Bedeutung. Im Nürnberger Tanzstatut aus dem Jahr 1521 wurden 20 Geschlechter benannt, die in den Inneren Rat der patrizischen Stadtrepublik entsandt werden durften, darunter auch die Tucher. Sie gehörten damit in der Blütezeit Nürnbergs zu den einflussreichsten Familien. Sie waren bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit Nürnbergs, 1806, nahezu durchgehend im Rat vertreten. Familienmitglieder der Tucher nahmen dabei regelmäßig die höchsten Ämter ein.

Wie auch im Fall der Tucher, handelte es sich beim Nürnberger Patriziat um Kaufmannsfamilien, die durch Fernhandel zu Wohlhaben und gesellschaftlichem Einfluss gekommen waren. In Anlehnung an den mittelalterlichen Landadel versuchten die Patrizier verstärkt seit dem 15. Jahrhundert ihre Herkunft und Abstammung zu legitimieren.

Der erste schriftliche Beleg eines Tuchers in Nürnberg datiert in das Jahr 1309. Allerdings gilt Konrad Tucher (gest. 1326) als Stammvater des Geschlechts. Das bis heute erhaltene Große Tucherbuch, eine um 1590/98 entstandene Prachtausgabe eines für die Zeit sehr typischen Geschlechterbuchs, enthält zahlreiche Informationen über den Familienstammbaum. Solche Geschlechterbücher dienten der Dokumentation, Repräsentation und Legitimation eigener Abstammung. Sie waren im 16. Jahrhundert gerade bei den wohlhabenden Patrizierfamilien sehr beliebt.

Zwar verweisen die familieneigenen Quellen, wie das Große Tucherbuch, auf eine Teilnahme an Ritterturnieren und auf die Abstammung aus dem Ministerialienstand. Wahrscheinlich handelt es sich dabei jedoch um eine Legendenbildung über die eigene ritterliche Herkunft. Wie der Familienname Tucher es nahelegt, dürften die Vorfahren vielmehr dem Tuchhandwerk entstammt sein, einen Beleg dafür gibt es aber nicht.

Nach einem Streit um das Erbe des 1425 verstorbenen Hans I. Tucher, teilte sich die Familie in zwei Linien, die bis heute bestehen. Die ältere Linie begründete Hans II. Tucher (gest. 1449), die jüngere Linie geht auf Endres I. Tucher (gest. 1440) zurück.

Seit dem 14. Jahrhundert nahm die Bedeutung der Tucher kontinuierlich zu. Ihr politischer, wirtschaftlicher, aber auch sozialer und kultureller Einfluss wuchsen stetig. Ab 1340 stellte die Familie Nürnberger Ratsherren. Seit 1440 ist die Tucher’sche Handelskompanie belegbar. Die Handelsgesellschaft war mit Faktoreien in bedeutenden Handelsmetropolen vertreten, darunter Lyon, Genf und Antwerpen. Im 16. Jahrhundert handelten die Tucher sehr erfolgreich mit Safran. Die Familie war in dieser Zeit außerdem im Montangeschäft tätig und erreichte erheblichen Wohlstand.

Der wirtschaftliche Erfolg der Tucherfamilie fällt auch in die wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit Nürnbergs. Im 14. und 15. Jahrhundert hatten Familienmitglieder der Tucher nicht nur einflussreichste Ämter inne. Ihr Bemühen um Memoria und Repräsentation ist bis heute an zahlreichen Stiftungen sichtbar. Die Tucher gehörten daher auch zu den wichtigsten Mäzenen der Zeit, denn um 1500 traten Familienmitglieder als Auftraggeber bedeutender Nürnberger Kunststiftungen in Erscheinung. Zu nennen sind u.a. der Tucheraltar unbekannter künstlerischer Urheberschaft (1440/50), heute in der Nürnberger Frauenkirche; das Tucherepitaph (1513) in St. Sebald; Portraits von Albrecht Dürer (1499) und der Englische Gruß von Veit Stoß (1517–18) in St. Lorenz.

Nach dem Tod des Propstes von St. Lorenz, Lorenz I. Tucher (1447–1503), ging dessen Vermögen in der nach ihm benannten Familienstiftung auf. Die Dr. Lorenz Tucher’sche Stiftung besteht seit 1503 bis heute. Sie verfolgt die Bewahrung von familieneigenem Grundbesitz und Kulturbeständen.

Aus dem 15. Jahrhundert sind das Baumeisterbuch der Stadt Nürnberg von Endres II. Tucher (1423–1507) und der Pilgerbericht einer Jerusalemfahrt von Hans VI. Tucher (1428–1491) als wichtige Schriftstücke erhalten. Aus dem 16. Jahrhundert stammt das erwähnte, Große Tucherbuch (1590/98). Zu den wichtigsten Bauten dieser Zeit gehört der Stadtsitz in Nürnberg, das Tucherschloss. Dieses ließ Lorenz II. Tucher (1490–1554) von 1533 bis 1544 erbauen. Es beherbergt heute ein Museum, das Stücke aus der Tucher’schen Kunstsammlung zeigt.

Die Tucher weiteten auch ihren Landbesitz kontinuierlich aus. Nach dem Erwerb ihres Hauptsitzes in Simmelsdorf 1598, nannte sich die Familie Tucher von Simmelsdorf, was 1697 kaiserlich als Adelstitel anerkannt wurde. Später erwarben die Tucher einige alte Ritterlehen. 1705 erfolgte die Aufnahme in den fränkischen Reichsritterstand. 1815, also nachdem die Freie Reichsstadt Nürnberg in das Königreich Bayern eingegangen war, wurden die Tucher in den bayerischen Adelsstand immatrikuliert. Sie sind seitdem Freiherren Tucher von Simmelsdorf.

Die Handelsgesellschaft der Tucher bestand bis 1648. Die Auflösung resultierte auch aus einer Handels- und Finanzkrise in großen Teilen Europas. Durch die enormen Handelseinbußen entstand der Familie großer wirtschaftlicher Schaden und sie verlor seit dem 17. Jahrhundert an gesellschaftlicher Bedeutung. Mit dem Ende der reichsstädtischen Zeit Nürnbergs, 1806, endete auch der Einfluss der Tucher als Ratsherren auf die Geschicke der Stadtrepublik.

1855 erwarben die Tucher das Königliche Bräuhaus, das fortan Freiherrlich von Tucher’sche Brauerei hieß. Die Brauerei trägt noch heute den Namen Tucher, ist aber nicht mehr in Familienbesitz.

Seit dem 19. Jahrhundert hatten die Tucher Ämter in der Administration Bayerns inne. Heinrich von Tucher (1853–1925) wirkte als bayerischer Gesandter in Rom. Hans Christoph Tucher (1905–1968) war Vertrauter des Bundespräsidenten Theodor Heuss (1884–1963).

Seit 2012 besteht die Tucher’sche Kulturstiftung. Sie fördert den Erhalt und die Erforschung von Kunst- und Kulturgut der Familie Tucher.

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